Welche therapeutischen Möglichkeiten gibt es ?Je eindeutiger und differenzierter die Diagnose gestellt wurde, desto größer ist die Chance einer individuell abgestimmten, erfolgreichen Therapie. Therapien nach dem Gießkannenprinzip, von allem ein bißchen, bringen keinen wesentlichen Erfolg, sondern führen häufig zu einer zusätzlichen Belastung des Kindes (Therapiestress). Es ist wichtig, in der Therapie gezielt mit dem Kind in den unterschiedlichen Bereichen (1.-5. s. Diagnostik) zu arbeiten:
Wenn im zweiten und/oder dritten Bereich der Diagnostik (Informationsverarbeitung im Gehirn) eine Störung beim Kind nachgewiesen wurde, so wird oft u.a. eine medikamentöse Maßnahme empfohlen. Dabei handelt es sich um Medikamente, welche Aufmerksamkeitsfunktionen des Gehirns anregen und verbessern (stimulieren). Kinder mit einer Störung in diesen Bereichen sind häufig nicht optimal in der Lage, zahlreiche Informationen entsprechend zu unterscheiden, zuzuordnen, zu verarbeiten oder zu speichern. Damit diese Kinder die Möglichkeit haben, Trainings- und Übungsprogramme erfolgreich auszuführen, wird mit Hilfe der medikamentösen Therapie eine verbesserte Aufmerksamkeitsfähigkeit, als Basis für darauf aufbauende Therapien (z.B. Ergotherapie und Logopädie), erzielt. Mit diesen anregenden (stimulierenden) Medikamenten wird bei hyperaktiven Kindern oft ein paradoxer Effekt erzielt: Sie werden deutlich ruhiger. Leider wird oft (aus Unwissenheit) behauptet, diese Kinder würden "ruhig gestellt" mit "Beruhigungsdrogen". Das Gegenteil ist der Fall: Medikamente können also in bestimmten Fällen die Aufnahme- und Verarbeitungsfähigkeiten des Kindes in wichtigen Bereichen verbessern. Hierdurch erfährt das Kind eine wesentlich bessere Situation in Hinsicht auf Lernen und Trainings, so daß es diese erfolgreich umsetzen kann. In manchen Fällen ist eine medikamentöse Therapie vorübergehend notwendig, in anderen Fällen, je nach Diagnose und Fall, muß eine kontinuierliche (permanente) medikamentöse Behandlung empfohlen werden. Eine ausschließlich medikamentöse Therapie, ohne weitere begleitende Therapien, (je nach Diagnose z.B.: Verhaltenstherapie, Ergotherapie, Logopädie, Motopädie, Lerntherapie, Körperinteraktionstherapie ("KIT")...) ist weniger effektiv. Die medikamentöse Therapie kann dem Kind lediglich eine Grundlage bieten, Dinge nachzulernen und nachzuholen und neue Informationen besser zu verarbeiten. Auch sein Verhalten muß ein betroffenes Kind häufig in einigen Bereichen "korrigierend" nachlernen. Die ausschließliche Gabe von Medikamenten, ohne begleitende Maßnahmen, wird meist zu keiner nachhaltigen Besserung der Störung des Kindes führen. Die medikamentöse Behandlung muß stets unter regelmäßiger Kontrolle eines, auf diesem Gebiet erfahrenen, Arztes erfolgen. Um eine gleichmäßige Aufmerksamkeitssituation des Kindes zu gewährleisten ist zu berücksichtigen, daß die Wirkung von derzeit verwendeten Medikamenten meist zeitlich auf wenige Stunden begrenzt ist. Somit gilt es, eine individuell optimale medikamentöse Einstellung des Patienten zu finden. Dies ist eine Voraussetzung für eine sinnvolle Medikation. Entsprechend dem Grad der Erkrankung und der Behandlungserfolge sollte über die Fortführung einer medikamentösen Behandlung in bestimmten Abständen immer wieder neu entschieden werden. Eine medikamentöse Therapie ist aber nicht immer notwendig. Haben sich in einem oder mehreren Bereichen der Diagnostik Defizite gezeigt, so muß zunächst entschieden werden, ob mit oder ohne medikamentöse Unterstützung Übungen und Trainings begonnen werden, ob ggf. weitere technische Hilfsmittel (Brille, Hörhilfen) notwendig sind. Diese Entscheidung ist stets bezogen auf den
individuellen Fall des Patienten und seine Symptomatik.
Die Sinnessysteme müssen insbesondere an problematischen Stellen gezielt geschult werden. Gravierende, kaum zu behebende Störungen in einem Bereich können evtl. durch gut trainierte andere Bereiche ausgeglichen werden. Es geht bei solchen Übungs- und Trainingsmaßnahmen in erster Linie darum, dem Kind entsprechende, auf seine individuellen Schwächen bezogene Fähigkeiten zu vermitteln. Weitere Maßnahmen sind gezielte Trainingsprogramme (s. auch Literaturhinweise: Lauth & Schlottke, Petermann & Petermann) zur Verbesserung von Basisfertigkeiten (z.B. genau hinschauen, genau hinhören), sowie das Erlernen von kontrollierten Reaktionen, Verbesserung des Problemlöseverhaltens und Übertragung dieser Lösungen auf schulische Fertigkeiten und alltägliche Anforderungen.
Die Therapieschwerpunkte für den dritten und fünften Bereich liegen - neben der medikamentösen Therapie - auf senso- und evtl. psycho-motorischen Übungen (z.B.: Wahrnehmungstraining, Lerntherapie, gezielte Ergotherapie, Physiotherapie, Logopädie, Motopädie, Krankengymnastik gezielte Ergotherapie). Die Sinnessysteme müssen insbesondere an problematischen Stellen gezielt geschult werden. Gravierende, kaum zu behebende Störungen in einem Bereich können evtl. durch gut trainierte andere Bereiche ausgeglichen werden. Es geht bei solchen Übungs- und Trainingsmaßnahmen in erster Linie darum, dem Kind entsprechende, auf seine individuellen Schwächen bezogene Fähigkeiten zu vermitteln. Weitere Maßnahmen sind gezielte Trainingsprogramme (s. auch Literaturhinweise: Lauth & Schlottke) zur Verbesserung von Basisfertigkeiten (z.B. genau hinschauen, genau hinhören), sowie das Erlernen von kontrollierten Reaktionen, Verbesserung des Problemlöseverhaltens und Übertragung dieser Lösungen auf schulische Fertigkeiten und alltägliche Anforderungen. Diagnostizierte Defizite im vierten Bereich, also insbesondere im sozialen Verhalten, können gut in Trainings mit videogestützten Maßnahmen behandelt werden. Ein wesentlicher Bestandteil des Behandlungsansatzes ist die Arbeit mit den Eltern bzw. Familien auf Basis von verhaltensorientierten Trainingsmaßnahmen. Positive Verstärkermechanismen (Lob) aber auch notwendige Grenzsetzung (Regeln) können mit Eltern und Kindern mit Hilfe videogestützter Verfahren eingeübt und gefestigt werden. Ziel dieser Arbeit sind nachhaltige Veränderungen des alltäglichen "miteinander Umgehens und Handelns" zwischen Eltern und Kindern mit Aufmerksamkeitsproblemen, aber auch zwischen LehrerInnen/ErzieherInnen und Kindern mit Aufmerksamkeitsproblemen in unterschiedlichen Bereichen. Diese videogestützten Verfahren lassen sich so auch auf den Lern-, sowie den schulischen Bereich anwenden. Ergänzend können Selbstkontroll- und Selbstwahrnehmungsfähigkeit trainiert werden. Die Verbesserung des Selbstwertgefühls und die Vermittlung sozialer Kompetenzen sind ebenfalls Gegenstand eigenständiger Verhaltenstrainings. Der fünfte Bereich (Lern- und Leistungsbereich) kann durch gezielte Lerntherapien (u.a. computergestützten Verfahren) gefördert werden. Hier arbeiten speziell qualifizierte Lerntherapeuten (die leider noch sehr rar sind) mit betroffenen Kindern. (Literarturhinweis: Kretschmann, Marlies) Wichtig ist für die gezielte Behandlung, daß alle diese Bereiche eine ärztlich therapeutische Koordination erforderlich machen. Dies sollte in jedem Fall bei Kindern und Jugendlichen von einem auf dem Gebiet der zentralen Verarbeitungsstörung erfahrenen Arzt (z.B. Kinder- und Jugendarzt) erfolgen. Zu berücksichtigen bleibt, daß es sich bei einer Aufmerksamkeitsstörung um eine chronische Erkrankung handelt. "Heilen" kann man die Kinder mit einer Aufmerksamkeitsstörung bisher in keinem Stadium ihres Lebens, wohl aber ihr Leben erleichtern und ihre Lebensqualität (und damit meist auch die der Familie) verbessern. Positiv gestaltete äußere Bedingungen (soziales Umfeld) wirken sich dabei zusätzlich auf das Kind aus. Indikator dafür, ob die Therapie bei dem einzelnen Kind wirklich anspricht, muß immer sein, ob ein Kind gern die Therapiemaßnahmen mitmacht und somit in der Therapie eine eigene Motivation verspürt und eigene Erfolge erlebt. Es geht nicht darum, ein Kind "umzumodeln", sondern ihm Unterstützung und Hilfe zu geben, seine soizale und psychische Situation und häufig auch seine Leistungen zu stabilisieren. Über Hilfe zur Selbsthilfe soll das Kind die Möglichkeit erhalten, seine tatsächlichen Fähigkeiten ausschöpfen zu können. Das gilt sowohl für den Bereich des sozialen Handelns, als auch für seine Schulbildung und seine beruflichen und sozialen Perspektiven. Hier liegt eine der grundlegenden Voraussetzungen für eine umfassende Verhaltens-änderung des Kindes in seinen verschiedenen sozialen Bereichen. 1. Die zentrale Verarbeitungsstörung ist ein sehr vielfältiges Krankheitsbild, das viele unterschiedliche äußere Merkmale aufweisen kann. 2. Wenn der "normale" Prozeß der Informationsaufnahme durch die Sinnesorgane (u.a. Auge, Ohr, Haut, Nase) und/oder der Aufnahme und Abspeicherung (Verarbeitung) im Gehirn bzw. der jeweils notwendigen Reaktion nicht immer richtig funktioniert, können wir es mit einer zentralen Verarbeitungsstörung zu tun haben. 3. Hyperaktivität kann ein Merkmal der zentralen Verarbeitungsstörung sein, muß sie aber nicht. Es gibt Formen der zentralen Verarbeitungsstörung, die keinerlei hyperaktives Verhalten zeigen. 4. Die Diagnose einer zentralen Verarbeitungstörung sollte nicht ausschließlich durch die Fremdbeobachtung (Fragebogen-Verfahren) gestellt werden. Moderne Diagnostikverfahren können weitergehende Aussagen darüber machen, wo die jeweiligen funktionellen Defizite beim Kind liegen oder ob andere Faktoren für die Verhaltensauffälligkeiten des Kindes verantwortlich sind. 5. Um eine medikamentöse Therapie zu rechtfertigen, sollte eine differenzierte Diagnose vorliegen. Die medikamentöse Behandlung sollte stets individuell angepaßt sein und muß unter regelmäßiger Kontrolle eines auf diesem Gebiet erfahrenen Arztes, erfolgen. Eine ausschließlich medikamentöse Therapie, ohne weitere begleitende Therapien (je nach Diagnose z.B.: Verhaltenstherapie, Ergotherapie, Physiotherapie, Logopädie, Lerntherapie ...) ist wenig effektiv. 6. Je differenzierter die Diagnose gestellt wurde, desto größer ist die Chance einer gezielten, individuellen und damit erfolgversprechenden Therapie. Hier können dann verschiedene, einander aufbauende Therapien, durchgeführt werden. Entsprechend der Behandlungserfolge sollte über eine Fortführung einer medikamentösen Behandlung in bestimmten Abständen immer wieder neu entschieden werden. 7. Zu berücksichtigen bleibt, daß es sich bei einer zentralen Verarbeitungsstörung um eine chronische Erkrankung handelt, die bisher in keinem Stadium des Lebens zu "heilen" ist und sich auch nicht "verwächst". Die individuellen Symptome dieser Erkrankung können sich allerdings mit dem Alter ändern. So weisen Erwachsene mit einer zentralen Verarbeitungsstörung häufig ganz andere Merkmale auf, als Kinder. 8. Bei einer Wahrnehmungsstörung gibt es häufig gezielte therapeutische Ansätze, die eine erfolgreiche "Nachbahnung" ermöglichen. Grundlage hierfür ist jedoch stets eine entsprechende differenzierte Diagnostik. 9. Je früher eine gezielte Diagnostik stattfindet, desto größer sind in der Regel die Erfolgschancen und in vielen Fällen entsprechend kürzer die Therapieverläufe. 10. Eine zentrale Verarbeitungsstörung läßt sich mit Hilfe einer differenzierten Diagnostik meist spätestens im Kindergartenalter diagnostizieren. 11. Eine zentrale Verarbeitungsstörung (ADS,ADHD, HKS, Wahrnehmungsstörungen..) verwächst sich niemals von selbst. Jedes Zuwarten, in der Hoffnung, dass sich die Probleme "verwachsen" werden, bedeutet meistens wichtige Entwicklungsjahre für das betroffene Kind zu verlieren bzw. später in der Therapie wieder zusätzlich nachholen zu müssen. 12. Die wichtigsten Co-Therapeuten im Leben eines chronisch kranken Kindes sind langfristig die Eltern.
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