Welche Möglichkeiten der Diagnosestellung gibt es ?

  1. Fremdbeobachtung des Verhaltens
  2. Diagnostisches Konzept in verschiedenen Bereichen
    1. Kinderärztliche Untersuchung
    2. Prüfung der Informationsverarbeitung im Gehirn
    3. Prüfung der Seh- und Hörverarbeitungsfähigkeiten
    4. Verhaltensanalyse
    5. Lern- und Leistungsdiagnostik

  3. Bewertung der einzelnen Bereiche


  1. Fremdbeobachtung des Verhaltens
  2. Ausgangspunkt für diagnostische Ansätze bildet immer die Fremdbeobachtung des Verhaltens des Kindes durch Bezugspersonen wie z.B. Eltern, LehrerInnen, ErzieherInnen, bzw. ÄrztInnen, PsychologInnen u.a. auf der Grundlage von Fragebögen.

    Aufgrund der enormen Formenvielfalt des Störungsbildes und des immer auch subjektiv geprägten Urteils der beobachtenden Personen, stößt die Diagnosefindung durch ausschließliche Beobachtung schnell an ihre Grenzen. Nur selten stimmen die Beobachtungen verschiedener Beobachter überein. Eine Aufmerksamkeitsstörung mit Hyperaktivität ist leichter zu sehen, Aufmerksamkeitsstörungen ohne Hyperaktivität können häufig nur schwierig "beobachtet" werden.


  3. Diagnostisches Konzept in verschiedenen Bereichen
  4. Das Störungsbild wird übereinstimmend als sehr komplex angesehen und nahezu immer sind mehrere Bereiche im Leben des Betroffenen beeinträchtigt. Das Störungsbild ist wie ein großes Puzzle, dass sich aus zahlreichen kleinen Puzzelteilen zusammensetzt.
    Um eine erfolgreiche Therapie einleiten zu können, sollte jedes Puzzelteil in der Diagnostik untersucht werden, um einen differenzierten Überblik beim Zusammensetzen des Gesamtbildes zu erhalten.
    Daher ist zu empfehlen, daß diagnostische Konzepte zur Anwendung kommen, welche die Vielfältigkeit des Störungsbildes in verschiedenen Teilbereichen erfassen. Zusätzlich sollten unbedingt objektive Daten ermittelt werden.

    Folgende Bereiche (von 1. bis 5.) können dabei nacheinander, mit unterschiedlichen Verfahren analysiert werden.


    1. Bereich: Kinderärztliche Untersuchung:
    2. Grundlage und Voraussetzung aller diagnostischen Maßnahmen ist eine gründliche kinderärztliche (pädiatrische) Untersuchung. Hierbei ist besonders eine, auf Funktionsbereiche des Gehirns bezogene (neuro-pädiatrische) Untersuchung wichtig.

      Dieser diagnostische Schritt ist unverzichtbar, da zunächst mögliche neurologische Erkrankungen des Kindes ausgeschlossen werden müssen. Mit der Untersuchung wird auch der Entwicklungsstand eines Kindes festgestellt, da dieser ebenfalls ein wichtiger Aspekt für die Diagnostik ist. Der Kinderarzt wird meist auch Fragebögen in die Untersuchung mit einbeziehen.

      Augenoptische / augenärztliche bzw. HNO-Untersuchungen sind ggf. zusätzlich notwendig, um zu entscheiden, ob ggf. technische Hilfsmittel (Brille, Hörhilfen) notwendig sind.


    3. Bereich: Prüfung der Informationsverarbeitung im Gehirn:
    4. In diesem Bereich gibt es Möglichkeiten zur Analyse von Gehirnfunktionen durch sog. Hirnpotentiale:

      Während der Patient definierte Wahrnehmungs- und Denkaufgaben löst, werden solche Hirnpotentiale durch Elektroden am Kopf (EEG-Verfahren, ohne Nebenwirkungen und schmerzfrei für den Patienten) registriert. Wichtig ist hierbei, daß es sich um kein sogenanntes "Ruhe-EEG" handelt, sondern das Gehirn "in Aktion" dargestellt wird.

      Über diese diagnostischen Methoden ergeben sich z.B. Hinweise darauf, ob

        a) eine zentrale Störung der Aktivierung und der individuellen Informationsverarbeitung im Gehirn vorliegen und ob

        b) entsprechend dieser Analyse ein medikamentöser Therapieansatz gerechtfertigt ist.


    5. Bereich Prüfung der Seh- und Hörverarbeitungsfähigkeiten:
    6. Standardisierte Wahrnehmungs- und Denkaufgaben, die kindgerecht gestaltet sind, ergeben meßbare Aussagen über die "funktionelle Leistungsfähigkeit" des Kindes (korrekte Reaktionen, Fehler, Zeiten etc.).

      Die Anforderungen solcher Verfahren richten sich auch getrennt an die Hör- und Sehverarbeitungsfähigkeiten des Kindes. Sie lassen also Aussagen über das auditive (Hören) und visuelle (Sehen) Sinnessystem des Kindes zu. Auf diese Art und Weise werden Daten gewonnen, die im Vergleich mit altersbezogenen Vergleichswerten eine sichere und differenzierte Analyse der Leistungsfähigkeit der Sinnessysteme eines jeweiligen Kindes ermöglichen.


    7. Bereich: videogestützte Verhaltensanalyse:
    8. Hier kann das soziale Verhalten (u.a. auch Lern- und Leistungsverhalten) analysiert werden. Mit der Anwendung bestimmter videogestützter Verfahren können intensive und objektive Möglichkeiten der Verhaltensanalyse genutzt werden. Diese Technik versetzt den Anwender in die Lage, Symptome der Aufmerksamkeitsstörung nachzuweisen, so daß ein Aufmerksamkeitsdefizit nicht mehr aus dem "beobachteten" Fehlen bestimmter Fähigkeiten, sondern aus dem Vorhandensein charakteristischer Merkmale diagnostiziert wird.

      Diese Merkmale, sogenannte "Wahrnehmungsmarker" verschiedener Sinneskanäle (u.a. visuell, auditiv, taktil), können über das Video erfaßt und in einer zeitlichen Auflösung analysiert werden, die diesen Symptomen entspricht. Eine inadäquate Gesichtsmimik ohne Variabilität im Ausdruck, "hakeliges" motorisches Gangmuster, plötzliche übertriebene Bewegungsimpulse, selbststimulatorische und überdimensionierte Bewegungen, subjektiv hohe Lautheitsempfindung, ungesteuerte Augenbewegungen sowie teilweise starres Blickverhalten, mit allen Folgen dieser Kommunikationshindernisse für die psychosoziale Entwicklung, sind zum Beispiel wichtige Merkmale. Diese können entsprechend dem jeweiligen Lebensalter des Kindes (vom Babyalter bis ins Erwachsenenalter) zugeordnet und analysiert werden.

      Es zeigen sich aber auch:

        a) welche automatisierten Verhaltensmuster ein betroffenes Kind aufbaut und aufrechterhält und

        b) welche Bedingungen im täglichen Familien-, Kindergarten- oder schulischen Leben bei der Aufrechterhaltung der Verhaltensstörungen und -muster eine Rolle spielen.

      Die Verhaltensprobleme, die in der Diagnostik im vierten Bereich untersucht werden, sind in vielen, aber nicht allen Fällen, auf Defizite im zweiten und dritten Bereich zurückzuführen.


    9. Bereich: Lern- und Leistungsdiagnostik:
    10. Im Schulalter ist eine weitere wichtige Stütze des diagnostischen Vorgehens die Durchführung einer standardisierten Schulleistungsdiagnostik.

      Hier geht es darum, eine exakte Beurteilung des aktuellen Leistungsstandes des Kindes zu erhalten, um Aussagen hinsichtlich der zu empfehlenden weiteren Schullaufbahn zu ermöglichen. Schulische Leistungsschwächen, sowie die grundlegende intellektuelle Leistungsfähigkeit werden erfaßt. Die Anwendung von Computerprogrammen für die spezifische Diagnostik von Lern- bzw. Leistungsstörungen und gegebenenfalls notwendiger psychologischer Verfahren ergänzen die Palette der Untersuchungsmethoden.


  5. Bewertung der einzelnen Bereiche
  6. Die Ergebnisse der einzelnen diagnostizierten Bereiche ergeben somit ein Gesamtbild, das in den meisten Fällen eine eindeutige Diagnosestellung zuläßt. So wird deutlich, ob das Kind an einer zentralen Verarbeitungsstörung leidet und wo genau funktionelle Defizite liegen oder ob andere Faktoren für die Verhaltensauffälligkeiten des Kindes verantwortlich sind.

    Hier ergeben sich somit wichtige Unterscheidungsmöglichkeiten für einen gezielten Therapieaufbau und auch dazu, ob ggf. auch technische Hilfsmittel (Brille, Hörhilfen) und/oder ein medikamentöser Therapieansatz notwendig sind.


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