Auszüge aus unserer Informationsbroschüre

Die komplette Broschüre (ca. 30 Seiten) kann per adressiertem und frankiertem Rückumschlag und 2,50 Euro in Briefmarken beiliegend als Druckkostenbeitrag bei uns angefordert werden:

Regenbogen e.V.
Helmut-Schatzler-Str. 8
91332 Heiligenstadt


Herausgeber: Regenbogen e.V.
Helmut-Schatzler-Str. 8
91332 Heiligenstadt


Autoren:
Edgar Friederichs
Arnfried Heine
Petra Friederichs

Zu den Autoren:

Priv.-Doz. Dr. med. Edgar Friederichs (Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin) Ärztliche Tätigkeit an den Universitäts-Kinderkliniken Göttingen und Heidelberg, wissenschaftliche Forschungsprojekte u.a. an der "University of Southern California", USA, am Max-Planck-Institut in Göttingen, an der Universität Heidelberg und in weiteren Tätigkeiten im klinischen Forschungsbereich eines pharmazeutischen Unternehmens. Als ärztlicher Leiter einer privaten Kinder- und Jugendklinik befaßte er sich schwerpunktmäßig mit verhaltenstherapeutischen Methoden, insbesondere der videogestützten Analyse von Verhaltensmustern zur Erfassung der non-verbalen Kommunikation. Dr. Friederichs beschäftigt sich vor allem diagnostisch und therapeutisch mit den Störungs- und Krankheitsbildern der zentralen Verarbeitungsstörung, Hyperaktivität und anderen Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen. Hier arbeitet er ambulant in Heiligenstadt mit betroffenen Kindern und Jugendlichen und ihren Eltern.

Dr. med. Dipl. med. Arnfried Heine (Arzt) Wissenschaftliche Tätigkeit u.a. an der Medizinischen Akademie und am Institut für Neurobiologie und Hirnforschung Magdeburg in der klinischen und Grundlagenforschung auf den Gebieten von Aufmerksamkeits-, Lern- und Leistungs- sowie Gedächtnisstörungen und Hyperaktivität. Der Arzt ist Autor und Co-Autor von Fachartikeln zu den Grundlagen und zur Diagnostik entsprechender Störungen und arbeitet dabei mit verschiedenen Universitäten zusammen. Außerdem ist er an der Entwicklung und Veröffentlichung spezieller diagnostischer Testverfahren beteiligt. Seit 1996 ist Dr. Heine in einer spezialisierten ambulanten Einrichtung tätig und arbeitet hier mit Kindern, Jugendlichen und erwachsenen Patienten.

Petra Friederichs (Dipl.-Sozialwirtin) Studium der Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Sozialpsychologie und Kommunikationswissenschaften, nach dem Studium Mitarbeit an wissenschaftlichen Projekten im Bereich der Kommunikationswissenschaften an der Universität Göttingen, anschließende Tätigkeit als freie Journalistin. Als Mutter von drei Kindern nutzte Petra Friederichs Erziehungspausen zur Weiterbildung im Bereich der Verhaltenstherapie. Heute ist sie in der Eltern-Kind-Arbeit tätig und arbeitet vorwiegend mit Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern im Bereich der zentralen Aufmerksamkeitsstörung, wie einer Wahrnehmungsstörung, Hyperaktivität, Lern- und Leistungsstörung.


Inhaltverzeichnis:

Die Motivation für dieses Informations-Heft 1
Einführung 2
Was ist eine zentrale Verarbeitungsstörung? 3
Erscheinungsbilder der zentralen Verarbeitungsstörung
  1. Typische Merkmale im Kindergartenalter

  2. Typische Merkmale im Schulalter

8

8
9

Was ist Hyperaktivität? 12
Ursachenforschung 13
Diagnostik

Welche Möglichkeiten der Diagnostik gibt es?


  1. Fremdbeobachtung des Verhaltens

  2. Diagnostisches Konzept in verschiedenen Bereichen

  3. Bewertung der einzelnen Bereiche




13
14
17
Therapie

Welche therapeutischen Möglichkeiten gibt es?


  1. Medikamentöse Therapie

  2. Übungen und Trainingsmaßnahmen

  3. Weitere Therapiemaßnahmen

  4. Verhaltenstherapie

  5. Schulische Lerntherapien

  6. Koordination




18
19
19
20
20
20

Was ist noch wichtig zu wissen? 21
Zusammenfassung 21
Anhang:
Begriffserklärungen
Vier Fallbeispiele: Thomas, Bernd, Michael und Stefan
Weiterführende Literatur

23
24
31


Die Motivation für dieses Informations-Heft

Die Aufmerksamkeits- und Wahrnungsstörungen sind ein weitverbreitetes Störungsbild. Trotzdem gibt es bislang zu wenig qualifizierte Unterstützung für Eltern mit betroffenen Kindern. Umfangreiche Informationen über das Störungsbild für LehrerInnen, ErzieherInnen, Pädagogen/innen ... sind ebenfalls rar. Eltern und betroffene Kinder haben häufig bereits einen langen "Leidensweg" hinter sich, bis sie endlich eine qualifizierte Diagnostik erfahren, auf der dann auch entsprechend gezielte Therapiemaßnahmen aufbauen können. Auf diesem, wie wir finden oftmals unnötig langen Weg, gehen häufig wichtige Entwicklungsjahre für das betroffene Kind verloren. Zahlreiche Eltern stoßen in dieser Zeit auch an die Grenzen ihrer Kraft, ihrer Energie und Zeitreserven, die sie häufig viel besser für ihr betroffenes Kind hätten nutzen können.

Dieses Heft wurde gemeinsam erarbeitet von Eltern, die Kinder mit einer Aufmerksamkeits- und Wahrnehmungsstörung haben, und Fachleuten, die sich auf das Gebiet der Aufmerksamkeitsstörung spezialisiert haben.

Als wichtig erachten die Autoren, daß Eltern mit betroffenen Kindern aber auch LehrerInnen und ErzieherInnen, die Vielfältigkeit der Erscheinungsbilder einer Aufmerksamkeitsstörung besser kennenlernen.

Betroffene Kinder müssen keine einheitlichen Merkmale aufweisen. Sie können eine Hyperaktivität zeigen, zahlreiche Kinder verhalten sich jedoch auch sehr zurückgezogen und extrem ruhig und haben trotzdem eine Aufmerksamkeitsstörung.

Wichtig ist auch die Erkenntnis, daß nicht die Eltern für diese Probleme ihres Kindes verantwortlich sind. Denn eine solche Störung entsteht nicht durch mangelnde Erziehungsfähigkeit der Eltern. Mütter und Väter sollten also kein schlechtes Gewissen haben und sich auch keines durch ihre soziale Umwelt aufdrängen lassen. Selbstbewußte, gut informierte Eltern haben die besten Chancen, ihrem betroffenen Kind Hilfestellungen zu geben. Voraussetzung hierzu sind eine qualifizierte Diagnostik und gezielte, auf die Diagnose aufbauende Therapien. Häufig kann die Therapie zu Hause von den Eltern unterstützt und fortgeführt werden. Langfristig sind Eltern die wichtigsten Co-Therapeuten für ihre Kinder.


Einführung

Eine große Anzahl von Kindern scheint unserem Alltag nicht mehr gewachsen zu sein. Kinder, die auf Anforderungen aggressiv reagieren, unter Konzentrationsschwäche, körperlicher Unruhe (Hyperaktivität), impulsivem Verhalten oder anderen Verhaltensauffälligkeiten leiden, gehören bereits im Kindergartenalter zum Alltag zahlreicher Eltern und ErzieherInnen. Spätestens in der Schule werden diese Auffälligkeiten zum Problem, in erster Linie für die betroffenen Kinder und ihre Eltern. Das soziale Umfeld reagiert häufig verständnislos gegenüber den Problemen dieser Kinder oder auch verärgert über ihre Verhaltensweisen.

Für auffallende Verhaltensweisen von Kindern kann es verschiedene Ursachen geben: psychische, soziale oder auch physische Störungen. Häufige Ursachen, die mit den genannten Verhaltensweisen verbunden sein können, sind Aufmerksamkeits- und/oder Wahrnehmungsstörungen, die in manchen Fällen mit einer sogenannten Hyperaktivität verbunden sind. Mindestens 5 Prozent aller Schulkinder in den Industrieländern sollen hiervon betroffen sein. Aber auch Erwachsene können an dieser Erkrankung leiden, denn die Aufmerksamkeitsstörung/Wahrnehmungsstörung verwächst sich nicht. Ihre Symptome verändern sich meist nur im Erwachsenenalter.

Im weiteren verwenden wir für die Aufmerksamkeitsstörung, Wahrnehmungs- und Hyperaktivitätsstörung den Überbegriff "zentrale Verarbeitungsstörung", womit immer die Gesamtstörung mit ihren individuell unterschiedlichen Symptomen gemeint ist.


Was ist eine zentrale Verarbeitungsstörung?

Die zentrale Verarbeitungsstörung ist ein sehr vielfältiges Krankheitsbild, das viele unterschiedliche äußere Merkmale aufweisen kann.Wichtig für die zentrale Verarbeitung ist die Aufmerksamkeit. Deshalb sollte klar sein, was unter Aufmerksamkeit zu verstehen ist:

Aufmerksamkeit ist die Fähigkeit zur Aufnahme von Informationen aus der Umwelt durch die jeweiligen Sinnesorgane, ihre Weiterleitung an das Gehirn, wo diese Informationen dann "verarbeitet" werden.

Mit Informationen sind Signale oder Reize aus der Umwelt gemeint. Diese Informationen nimmt also jeder Mensch durch seine Sinnesorgane auf (z.B. Geräusche und Laute über das Ohr, Bilder über das Auge, Temperaturen, Berührungen, Zärtlichkeit über die Haut) und von dort werden sie an das Gehirn weitergeleitet. Jedem Sinnesorgan sind bestimmte Bereiche im Gehirn zugeordnet. Hier werden die weitergeleiteten Informationen entsprechend "verarbeitet", d.h. aufgenommen (wahrgenommen) und gespeichert. Dadurch werden diese Informationen für die einzelne Person erfahrbar, bewußt und erinnerungsfähig gemacht. Gespeicherte Informationen können dann von der Person immer wieder bei Bedarf "abgerufen" werden.

Meist wird im Ergebnis der Aufnahme, Verarbeitung und Wahr-nehmung, also als Ergebnis der Aufmerksamkeit, eine angepaßte, notwendige Reaktion erfolgen, die nach außen als eine bestimmte Leistung oder ein bestimmtes Verhalten sichtbar wird.

Beispiel:
Die Mutter sagt dem Kind: "Heute mittag essen wir Suppe. Bitte decke den Tisch!" Um die Aufforderung der Mutter befolgen zu können, müssen beim Kind folgende physischen Voraussetzungen zur Aufmerksamkeit erfüllt sein:

  1. Das Kind muß die Information der Mutter richtig hören, sein Sinnesorgan "Ohr" muß einwandfrei funktionieren.
  2. Die Information muß vom Gehirn aufgenommen, verarbeitet und bewußt wahrgenommen werden (die Hörwahrnehmung muß funktionieren). Zur bewußten Wahrnehmung gehört auch der Abgleich mit bereits zuvor gespeicherten Informationen (in unserem Beispiel wäre dieser Abgleich: Tisch decken bedeutet - Teller und Besteck auf den Tisch legen; es gibt Suppe bedeutet - wir brauchen Suppenteller und Suppenlöffel.)
  3. Durch die Verarbeitung der Information zur adäquaten Reaktion zeigt das Kind die von ihm erwartete Handlung: Es holt Suppenteller und Suppenlöffel aus dem Schrank und legt diese auf den Tisch.

Wenn der "normale" Prozeß

  1. der Informationsaufnahme über die Sinnesorgane (u.a. Auge, Ohr, Haut, Nase) und/oder
  2. die Aufnahme, Verarbeitung und Wahrnehmung der Informationen im Gehirn und/oder
  3. der (Verarbeitung zur) adäquaten Reaktion auf Informationen
in einzelnen oder mehreren Bestandteilen nicht immer richtig funktioniert, haben wir es mit einer zentralen Verarbeitungsstörung zu tun.

Die zentrale Verabeitungsstörung kann zurückzuführen sein auf:

  1. Eine Störung eines oder mehrerer Sinnesorgane
  2. Eine Störung der Verarbeitung und/oder Wahrnehmung bzw. Reaktion
  3. Kombinationen von Störungen der Sinnesorgane (1.) und/oder Störungen der Verarbeitung und/oder Störungen der Wahrnehmung bzw. der Reaktion (2.)

Bei allen diesen Störungen handelt es sich um keine großen hirnorganischen Störungen, etwa im Sinne einer geistigen Behinderung, sondern um ganz minimale Defizite. Diese Defizite sind unabhängig von der Intelligenz eines Kindes. Auch wenn die Kinder offensichtlich leistungsschwach in der Schule sind oder sogar extreme Lern- und Leistungsschwächen zeigen, verfügen viele von ihnen über eine durchschnittliche oder überdurchschnittliche Intelligenz. Kinder mit diesen Störungen sind deshalb in allen Schulformen anzutreffen, von den Diagnose- und Förderschulen, über die Grund- und Hauptschulen bis hin zu den Gymnasien. Sie sind jedoch häufig nicht in der Lage, ihre vorhandene Intelligenz und ihre Fähigkeiten auszuschöpfen und damit auch voll zu nutzen. Bei einer gezielten, speziell auf individuelle Defizite hin ausgerichteten Therapie, können aber in zahlreichen Fällen auch die Lern- und Leistungsprobleme wesentlich verbessert werden.

Je nach Ausprägung der Störung nimmt das betroffene Kind auch sein soziales Leben, persönliche Beziehungen (z.B. Kind-Eltern, Kind-Erzieher, Schüler-Lehrer, Kind-Kind) anders wahr, als nicht betroffene Kinder dies tun. So werden von betroffenen Kindern unter Umständen Gesten, Aufforderungen, Ansprachen anders "aufgefaßt", als sie objektiv gemeint sind. Das Kind reagiert dann häufig "inadäquat" für seine soziale Umwelt. Da es auch manchmal Situationen nicht richtig einschätzen kann, über- oder unterschätzt es sich dann völlig oder aber es fühlt sich schnell überfordert. Hier kommt es dann bei manchen Kindern auch zu mangelndem Selbstbewußtsein und Problemen des Selbstwertgefühls.


Erscheinungsbild der zentralen Verarbeitungsstörung

Wie sich die zentrale Verarbeitungsstörung bei einem Kind zeigt, hängt maßgeblich davon ab

  1. welches Sinnesorgan, in welcher Form, in welchem Ausmaß von Störungen betroffen ist (1.) beziehungsweise,
  2. in welchem Bereich des Gehirns eine Verarbeitungs- und/oder Wahrnehmungsstörung vorliegt (2.)
Und natürlich hängt es auch vom Alter des Kindes ab. Im Säuglings- und Kleinkindalter werden viele Merkmale noch nicht so eindeutig gesehen oder auch häufig zunächst einer evtl. Entwicklungsverzögerung ("die sich schon geben wird") zugeordnet. Mit zunehmendem Alter des Kindes werden die typischen, beobachtbaren Merkmale einer zentralen Verarbeitungsstörung dann deutlicher. Trotzdem fallen betroffene Kinder häufig erst durch ein inadäquates Sozialverhalten oder Lernstörungen im Schulalter auf. Die obligatorischen Entwicklungsuntersuchungen (speziell U 8 und U 9) beim Kinderarzt sind zu wenig auf den Bereich der zentralen Verarbeitungsstörung ausgerichtet, so daß hier zahlreiche Kinder als unauffällig "durchfallen".
  1. Einige typische, beobachtbare Merkmale der zentralen Verarbeitungsstörung im Kindergartenalter sind unter anderen:


    * unzureichende Daueraufmerksamkeit: Zu beobachten beim Spiel oder beim Vorlesen, das Kind fängt viele Spiele an, führt jedoch keines zu Ende, läuft immer wieder weg.
    * "Verträumtheit": Das Kind scheint häufig abwesend und unkonzentriert zu sein
    * Unvermögen zur Einprägung von Strukturen oder Rhythmen: Das Kind muß immer wieder aufgefordert werden, während des Essens am Tisch sitzen zu bleiben, bei Sing-Kreis-Spielen nimmt es nicht aktiv teil, wird von den anderen Kindern im Kreis mitgezogen, kann auch nach mehrmaligem Üben Ablauf und Folge nicht einhalten. Das Kind scheint immer "außerhalb der Gruppe" zu stehen und weiß häufig allein nicht, wie es weiter geht.
    * Zurückgezogenheit, Isolierung: Das Kind spielt viel allein, ist dabei auch phantasievoll und konstruktiv für sich allein, kann aber nur schwer mit anderen Kindern spielen, kann nicht auf andere Kinder zugehen oder eingehen.
    * Aggressionen: Das Kind scheint schnell reizbar und ohne erkennbaren Grund auf andere Kinder loszugehen.
    * körperliche Unruhe: Das Kind scheint ständig in Bewegung zu sein, kann kaum still sitzen, redet ständig dazwischen, stellt viele Fragen, ohne die Antwort abzuwarten.
    * motorisches Ungeschick: Das Kind erscheint ungeschickt für sein Alter in der Grobmotorik (Springen, Hüpfen etc.) und/oder der Feinmotorik (beim Basteln, Ausschneiden, Malen etc.). Es wirft häufig Dinge um (z.B. den Kakaobecher) oder eckt an Tischen und Türen an.
    * Sprachauffälligkeiten: Das Kind kann manche Buchstaben noch nicht korrekt aussprechen oder verwechselt Silben, stottert oder stolpert beim Erzählen, spricht viel zu schnell und undeutlich.

    Dennoch:
    * kann dasselbe Kind hoch konzentriert an ganz bestimmten Dingen arbeiten (z.B. Malen oder mit Legosteinen bauen),
    * hat dasselbe Kind teilweise ein erstaunlich hohes Spezialwissen in bestimmten Bereichen, (das es sich oft selbst erarbeitet hat),
    * erfüllt dasselbe Kind hingegen in anderen Bereichen kaum die geringsten Anforderungen.

    Viele Eltern interpretieren gerade diese zuletzt aufgeführten, scheinbaren Widersprüche so: "Mein Kind macht nur das, was es interessiert, das andere läßt es links liegen." Oder eine Frage die sich Eltern in diesem Zusammenhang häufig stellen ist: Kann mein Kind den Anforderungen nicht nachkommen oder will es einfach nur nicht?

  2. Einige typische beobachtbare Merkmale für eine zentrale Verarbeitungsstörung im Schulalter sind unter anderen:


    * unzureichende Daueraufmerksamkeit: Das Kind scheint immer wieder im Unterricht zu träumen, kann nicht lange zuhören, ist stets von anderen Dingen abgelenkt, bekommt deshalb nur die Hälfte des Unterrichtsstoffs mit, weiß meist die Hausaufgaben nicht.
    * mangelnde Problemlösefertigkeiten: Das Kind weiß sich wenig selbst zu helfen, fühlt sich schnell durch andere überfordert, kann schwer anspruchsvolle Aufgaben oder auch Konflikte lösen, neigt schnell zu Überreaktionen.
    * Impulsives Verhalten: Das Kind redet ständig dazwischen, wartet nicht ab, bis es der/die LehrerIn aufruft, spricht plötzlich von einem ganz anderem Thema.
    * mangelnde Handlungsstruktur: Das Kind kann kaum selbständig an eine Sache herangehen, arbeitet nicht strukturiert, kann kaum Hausaufgaben alleine bewältigen, die Eltern müssen regelmäßig und über Stunden bei den Hausaufgaben helfen. Das Kind prägt sich nur schwer Handlungsschemen oder -abläufe ein, gilt meist als chaotisch und unstrukturiert in seinen Handlungen.
    * fehlender Ordnungssinn: Bei den Hausaufgaben, im Schulranzen, im Kinderzimmer sind die Sachen meist chaotisch und durcheinander, das Kind sucht häufig irgendwelche Sachen, findet aber kaum etwas wieder.
    * körperliche Unruhe: Das Kind ist oft in Bewegung, zappelt viel herum.
    * niedrige Frustrationstoleranz: Das Kind fühlt sich schnell provoziert und reagiert frustriert, dann unangemessen, meist überzogen.
    * niedriges Selbstwertgefühl: Das Kind verfügt kaum über Selbstbewußtsein, wird schnell zum Außenseiter, zieht sich entweder völlig von seinen Mitschülern zurück (wendet sich evtl. deutlich jüngeren Kindern zu) oder spielt kontinuierlich den Klassenclown, um hierüber Anerkennung der Gleichaltrigen zu erhalten.
    * Lern- und Leistungsstörungen: z.B. unsauberes (geschmiertes, großes und unstrukturiertes) Schriftbild, ausgeprägte Lese- und/oder Rechtschreib- und/oder Rechenschwäche.

    Jedes dieser Merkmale kann isoliert vorhanden sein, ohne daß eine zentrale Verarbeitungsstörung vorliegt, sollten jedoch mehrere dieser Merkmale (es müssen nicht alle sein) über eine längere Zeitspanne (6 Monate oder länger) kontinuierlich auffallen, so ist eine entsprechende Diagnostik zu empfehlen.

    Ein allgemeingültiges Erscheinungsbild der zentralen Verarbeitungsstörung gibt es jedoch nicht. Vielmehr erweist sich diese Erkrankung als sehr komplex und individuell unterschiedlich. Auch einzelne Merkmale können schon z.B. auf eine Aufmerksamkeitsstörung hinweisen. Diese Merkmale zeigen sich meist schon sehr deutlich im Kindergartenalter, spätestens jedoch in der Schule. In einigen Fällen kann sich eine Aufmerksamkeitsstörung auch bereits im Säuglingsalter zeigen.

    Eine genaue und umfassende Diagnostik im Einzelfall ist immer notwendig.


Was ist Hyperaktivität ?

Von Hyperaktivität wird bei einer extremen körperlichen Unruhe des Kindes gesprochen. Wesentliche Merkmale hierfür sind u.a. äußerste Lebhaftigkeit und impulsives Verhalten: Das Kind kann nicht still sitzen, ist stets in Bewegung, zappelt herum und findet keinen Ruhepunkt. Konzentriertes Zuhören oder Arbeiten fällt dem Kind schwer. Die Hyperaktivität tritt oft in Verbindung mit einer Aufmerksamkeitsstörung auf. Steht die Hyperaktivität im Mittelpunkt der Erkrankung, so sprechen wir vom "Hyperkinetischen Syndrom"(HKS). Stehen eher die Symptome der Aufmerksamkeitsstörung im Vordergrund, so wird dieses als "Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom" (ADS) bezeichnet.

Früher wurde häufig allein die Hyperaktivität als Störungsbild gesehen. Nach neuestem wissenschaftlichem Stand wird nun von der Hyperaktivität als einem Merkmal gesprochen, welches auf das eigentliche Krankheitsbild, nämlich die Aufmerksamkeitsstörung bzw. zentrale Verarbeitungsstörung, hinweist. Danach ist die Hyperaktivität kein eigenständiges Störungs- oder Erkrankungsbild, sondern die hyperaktiven Verhaltensweisen sind Formen sogenannter Eigen- oder Selbststimulierungen bei einer Aufmerksamkeitsstörung.

Die Hyperaktivität ist also lediglich ein Symptom, neben zahlreichen anderen, die z.B. mit einer Aufmerksamkeitsstörung verbunden sein können. Es gibt aber auch viele Erscheinungsbilder der zentralen Verarbeitungsstörung, die mit keinerlei Hyperaktivität verbunden sind.

Kinder, die an einer Aufmerksamkeitsstörung leiden, egal ob mit einer Hyperaktivität verbunden oder nicht, wirken meist nach außen unbegabt und leistungsschwach, sie werden von Erwachsenen häufig als sehr anstrengend in ihren Verhaltensweisen und Anforderungen empfunden. In Verbindung mit einer Hyperaktivität wirken sie zusätzlich ungeschickt, teilweise sogar extrem tolpatschig und störend.


Zurück nach oben